Häuser mit zweitem und für den zweiten Frühling
Einige Eindrücke von innen und aussen des sanierten Jugendstilhauses im Breitenrainquartier in Bern. Insgesamt wurden elf Wohnungen eingebaut. Bilder Dominique Uldry
Nach der Familienphase zieht es viele Menschen wieder in die Stadt. Und ab einem gewissen Alter sind auch Wohnbauten reif für den zweiten Frühling. In der «Breitsch», im Breitenrainquartier der Stadt Bern, hat ein solcher Neustart stattgefunden: Fünf Ehepaare über 50 Jahre sind auf ein Mehrfamilienhaus mit Jahrgang 1896 gestossen, das ihnen nach eingehender Sanierung nun einen wohnlichen und modernen Platz im urbanen Umfeld bieten kann. Das einst baufällige Jugendstilhaus mit auffälligem Erkerturm strahlt wieder im ursprünglichen Glanz und in gelbem Farbton; das Backsteinmauerwerk wurde neu verputzt und die Sandsteine im Sockel, um die Fenster und an den Seitenrändern ebenso aufgefrischt. Im Innern sind zudem die Grundrisse neu gestaltet und die zuvor engen zu den neuen grosszügigen Eigentumswohnungen zusammengelegt worden. Die einstigen Gewerberäume im seitlichen Anbau sind nun hochwertige Lofts. Die Sanierung der Eckliegenschaft erfolgte jedoch in einem denkmalgeschützten Rahmen: «Die Strassenfassade musste im Originalzustand belassen werden, im Gegenzug waren hofseitige Eingriffe erlaubt», beschreibt Architekt Cornelius Morscher den «Strassen-Hof- Deal», auf den sich Bauherrschaft und Behörde einigen konnten. Die wenigen sichtbaren Eingriffe beschränken sich auf die neuen Balkone zum Hinterhof sowie den teilweise verglasten Dachaufbau.
Es war aber nicht nur der Wunsch der Bauherrschaft, die geschützte Altbausubstanz an heutige Bedürfnisse anzupassen, sondern auch den Wohnraum bis ins hohe Alter komfortabel nutzen zu können. Neuerdings erschliesst ein Personenlift die elf Wohnungen in diesem dreistöckigen, 116 Jahre alten Mehrfamilienhaus.
Fugenlose Böden
Die Räume selber zeigen sich nach dem Umbau in althergebrachter Frische, ergänzt mit wenigen modernen Elementen. Um den denkmalpflegerischen Vorgaben gerecht zu werden, wurden insbesondere die Parkettböden, Türen, Einbauschränke und Kastenfenster originalgetreu saniert. Derweil sind die Küchen und Badezimmer mit modernen Apparaturen und schlichtem Mobiliar ausgestattet worden. Die Gliederung der Räume ist teilweise flexibel und offen gestaltet; die Lofts lassen sich zum Beispiel mit einem transparenten Schiebewandsystem variabel unterteilen. Bei der Umnutzung des Gewerbeanbaus war es zudem möglich, fugenlose mineralische Böden einzugiessen. Darunter wurde – wie auch im übrigen Hausteil – eine Bodenheizung installiert. Denn in absehbarer Zeit ist der Einbau eines Niedertemperaturheizsystems geplant: «Die Ölheizung ist noch in einem guten Zustand und wird erst in ein paar Jahren durch eine Wärmepumpe ersetzt», kündigt Architekt Morscher an. Dies hatte jedoch zur Folge, dass alle Parkettböden fein säuberlich ausgebaut und ebenso sorgfältig wieder über die Holzbalkendecken eingebaut worden sind. Dadurch ist zwar der Trittschallschutz besser geworden; demgegenüber mussten Türen und Schränke an die reduzierte Raumhöhe angepasst werden, «was einen gewissen Mehraufwand mit sich brachte», sagt Cornelius Morscher.
Fassade und Fenster als Tabu
Eine weitere Knacknuss stellte das Wiederherstellen der historischen zweischichtigen Kastenfenster dar. Auf Wunsch der Denkmalpflege wurde auch hier zwischen Hof- und Strassenfassade unterschieden: Bei letzterer mussten die aussenliegenden einfach verglasten Holzfenster im Originalzustand belassen werden; die Innenflügel haben dagegen eine Zweifach-Isolierverglasung erhalten. An der hofseitigen Fassade wurde weniger verlangt: Die aussenliegenden Holzfenster besitzen nun eine zweifache Verglasung. Die innenliegenden Fensterflügel sind zudem einfach verglast. Was den Wärmeschutz des historischen Gebäudes betrifft, wurde der Kompromiss zwischen der Denkmalpflege und dem Stand des Wissens weitergeführt. Die Jugendstilfassaden waren deshalb ein Tabu: Die Idee, die Gebäudehülle mit einer äusseren Dämmschicht zu ergänzen, musste mit Ausnahme der seitlichen Giebelfassade verworfen werden. Zwar hat die private Bauherrschaft darauf beharrt, schonend mit den ökologischen Ressourcen umzugehen. «Unter den gegebenen Umständen blieb der Minergiestandard jedoch unerreichbar», gibt Morscher zu.
Um den Energiebedarf des Stadtberner Wohngebäudes so weit wie möglich zu reduzieren, wurden allerdings andere Bauteile wirksam saniert: So sind das Steildach und der neue Aufbau energetisch besser abgedichtet worden. Dämmmassnahmen erfolgten zudem im Innenbereich, so etwa in Böden und Decken zur Abtrennung von unbeheizten Zonen. Und für den Fall der Fälle, dass Sonnenkollektoren künftig auch auf denkmalgeschützten Häusern erlaubt sein sollten. Das Jugendstilhaus im Breitenrainquartier ist vorsorglich mit Leitungen und Anschlüssen ausgerüstet worden – falls im möglichen dritten Leben die Sonnenenergie zum Einsatz kommen sollte.





