Mehr als ein Lückenbüsser

20.09.2012

8000 weisse Rosen schmücken den öffentlich zugänglichen Grünbereich der Überbauung, der auch Sitzgelegenheiten und einen Spielplatz aufweist. Bilder ZVG

«Rosengarten» Arbon – Zwischen der Arboner Altstadt und dem brachliegenden ehemaligen Saurer-Areal steht die neue Wohnüberbauung Rosengarten. Der Bau des Architekten Max Dudler, der in sechs Türmen 74 Wohnungen bietet, füllt aber nicht nur eine Lücke im Stadtbild, sondern verhilft diesem auch zu einem neuen Wahrzeichen.

 

Die Stadt Arbon, am Südufer des Bodensees gelegen, ist untrennbar mit dem Namen Saurer verknüpft. Ein Jahrhundert lang erblühte die Thurgauer Gemeinde dank dem Industriekonzern, der vor allem Lastwagen herstellte und in seiner Blütezeit über 5000 Menschen Arbeit bot. Als die Saurer- Werke in den 1980er-Jahren ihre Tore schlossen, ging es auch mit der Stadt rasant bergab.

 


 
Arbon wieder im Aufschung

 

Doch diese Krise ist überwunden: Arbon ist wirtschaftlich wieder gesund und die Bevölkerung wächst. Dabei spielen die ehemaligen Industrieareale von Saurer und anderen Firmen eine wichtige Rolle, denn sie bieten grosse, zentrale Baulandreserven. Eine davon ist das beim Bahnhof gelegene König-Areal, auf dem früher eine Kesselbaufirma beheimatet war. Hier entstand für 60 Millionen Franken die Wohn- und Geschäftsüberbauung «Rosengarten», die Ende Juni feierlich eingeweiht wurde. «Wir sind mit dem Bau dem Ziel, die Stadt nach innen zu verdichten, einen grossen Schritt näher gekommen», meinte Stadtammann Martin Klöti in seiner Festrede.

 

Der 130 Meter lange und 50 Meter breite Komplex besteht aus sechs Wohntürmen, die durch ein Sockelgeschoss zusammengefasst werden. In diesem befinden sich eine Migros- Filiale und weitere Läden, während die sechs Punktbauten insgesamt 74 Wohnungen Platz bieten. 40 davon sind bereits vermietet, wobei eine soeben eingezogene 82-jährige Rentnerin als 14 000. Einwohnerin von Arbon willkommen geheissen wurde. Im Untergeschoss liegt ein Parkhaus mit 280 Plätzen, wovon 80 für die Bewohner des Rosengartens reserviert sind.

 

Die Geschichte der Überbauung ist eng verknüpft mit dem Bau der neuen Kantonsstrasse, dem mit 58 Millionen Franken grössten Thurgauer Verkehrsprojekt der letzten Jahre. Die neue Trasse soll unter anderem den historischen Ortskern vom Durchgangsverkehr entlasten und die Anbindung an die Autobahn verbessern. Das Problem dabei: Ein 200 Meter langes Stück der neuen Strasse, die erst 2014 fertig gestellt wird, führt direkt am Neubau vorbei und muss von der Gemeinde selbst finanziert werden. Die Zustimmung der Arboner zum entsprechenden 13-Millionen-Kredit war aber noch nicht gesprochen, als die Bauarbeiten am «Rosengarten« begannen. Die Strasse wurde aber für die Erschliessung dringend benötigt, vor allem von der Migros, die bereits im November 2011 ihr neues Geschäft eröffnete. Die Bauunternehmerin Implenia beschloss daher, diese 200 Meter Verkehrsweg selber zu bauen und anschliessend dem Kanton zu verkaufen. Auf die Gefahr hin, dass der Kredit verworfen werden könnte.

 

Das Risiko blieb allerdings überschaubar: Die neue Kantonsstrasse war insgesamt nicht umstritten, und die Implenia leistete einen grossen Aufwand, um die Bevölkerung in das Projekt einzubeziehen. «Wir haben mehrmals einen ‹Tag der offenen Baustelle› abgehalten, um die Leute über den Bau zu informieren», berichtet Implenia-Projektleiter Paul Blust. «Diese waren jeweils sehr gut besucht; die Arboner zeigten grosses Interesse.» Dazu legte man Wert auf eine fussgänger- und fahrradfreundliche Gestaltung. Die Rechnung ging auf: Ende 2010 sagten die Arboner deutlich ja zum Kredit für das Strassenstück, das – natürlich – den Namen Rosengartenstrasse erhielt.

 

 

Der Name ist Programm

 

Der Projektname «Rosengarten» war dabei von Anfang an Bestandteil des Entwurfs, wie Architekt Max Dudler ausführt: «Zum einen gibt die Begrünung mit Wegnetzen, Sitzplätzen und Spielplatz den Wohnbauten auf dem Sockelgeschoss eine zusätzliche Qualität, zum anderen bietet sie den umliegenden Gebäuden einen attraktiven Ausblick auf eine gepflegte Grünanlage mitten in der Stadt.»

 

Das Dach des Sockels, der öffentlich zugänglich ist, wird dabei zur erhöhten Freifläche, die eine Bepflanzung mit nicht weniger als 8000 weissen Rosen erhält. «Da das Projekt ‹Rosengarten› heisst, wollten wir auch einen solchen schaffen», erklärt Blust. Die eigens für die Überbauung gezüchteten Pflanzen habe man dabei schon ein Jahr im Voraus bestellen müssen. «Sie können nicht in eine Gärtnerei gehen und sagen: ‹Ich hätte gern 8000 weisse Rosen!›» Inzwischen sind die Rosen, die aus dem Aargau stammen, zu einem Meer aus Blüten angewachsen, das tagtäglich Besucher anzieht.

 

 

Ausblick auf Altstadt und See

 

Über dem Blütenmeer erheben sich die sechs Türme, deren Minergie- Eco-Wohnungen alle über private Aussenbereiche in den Gebäudeecken verfügen. «Diese Bereiche sind als Balkone oder Loggias ausgeführt und so angeordnet, dass die Mieter trotz der Dichte der Bebauung dort ihre Privatsphäre haben», so Architekt Dudler. Indem die Türme unterschiedlich hoch und zueinander versetzt angeordnet sind, biete auch jede Wohnung einen Ausblick entweder auf die Altstadt oder den See. «Die in ihren Höhen gestaffelte Punktbebauung gibt gleichzeitig den städtischen Massstab der direkten Umgebung wieder», erläutert Dudler. «Der südliche Kopfbau, mit sieben Geschossen der höchste der Anlage, nimmt die Höhe des benachbarten UBS-Gebäudes auf. Hier wird zusammen mit dem zweiten, sechsgeschossigen Wohnturm ein Schwerpunkt gesetzt, der den Vorplatz mit bestehender Baumgruppe rahmt.» Die vier weiteren Wohngebäude staffeln sich nach Norden auf fünf und vier Geschosse herunter.

 

Der Bodensee spielt noch eine weitere Rolle für den Rosengarten: Mit dem Seewasser werden die Wärmepumpen gespeist, welche die Wohnungen und Läden mit der nötigen Heizenergie versorgen. Der Lohn für all diese Bemühungen um Energieeffizienz folgte Ende August: Die Überbauung wurde vom Kanton Thurgau mit der nur alle zwei Jahre verliehenen Minergie-Plakette ausgezeichnet.

 

Von: Ben Kron, Journalist BR, Zürich

Wenn auch nicht direkt am Wasser gelegen, bieten doch viele der Wohnungen einen Blick auf den Bodensee.
Die Fassade bilden eingefärbte Betonplatten, deren Oberfläche wie Natursteine gestaltet ist.

Beton statt Naturstein

Nebst der markanten Silhouette bildet die braungraue Fassade das wichtigste Identitätsmerkmal der Überbauung. Hierbei verzichtete Architekt Max Dudler, der für seine Natursteinfassaden bekannt ist, für einmal auf sein Lieblingsmaterial: Was wie Stein aussieht, sind tatsächlich aufwendig gefertigte Betonplatten. «Wir haben in einem Steinbruch Matrizen anfertigen lassen und daraus die Platten gefertigt», so Projektleiter Paul Blust. Mit diesem Vorgehen konnte der «banale» Baustoff Beton als Fassadenmaterial veredelt werden. Dudler versteht seine Gestaltung der Fassade als Anlehnung an das Stadtbild Arbons, bei dem Natursteine eine wichtige Rolle spielen. «Die regelmässige Struktur und der reduzierte und abstrahierte Materialkanon schaffen dabei Ruhe und Kontinuität, ohne an Modernität einzubüssen.»