• Das Single-Haus auf dem Land

Das Single-Haus auf dem Land

02.10.2019

Mein Haus, Mein Zuhause - Wo früher im ländlichen Sevelen in der Region Werdenberg eine Schnapsbrennerei ihren Standort hatte, steht seit 2018 ein ungewöhnliches Mehrfamilienhaus mit acht Wohneinheiten. Ungewöhnlich in vieler Hinsicht: Erstens steht der Bau direkt unterhalb eines Felsvorsprungs, dem Joachimbüel. Zweitens setzt sich das Grundstück aus verschiedenen «Rest»-Parzellen zusammen und ist zudem verschiedenen Bauzonen zugeordnet. Drittens haben die Architekten bewusst ein Single-Haus konzipiert. Das Konzept bewährt sich – auch in ländlicher Umgebung. Es wohnen heute nur Singles im Haus. Singles unterschiedlichsten Alters, mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen. Eine der Bewohnerinnen ist Edith Egger, eine lebensfrohe Seniorin von 82 Jahren.

Aus der Not eine Tugend

Der Standort am Felsvorsprung sei anspruchsvoll für die Planung gewesen, einige Planungsbüros seien schon involviert gewesen – ohne Erfolg, erzählt Thomas Keller, Teilhaber des Architekturbüros kaundbe Architekten in Buchs und Schaan. Ihnen sei es gelungen, die Bauherren mit einem innovativen Projekt zu überzeugen, welches den ungewöhnlichen Rahmenbedingungen gerecht wurde und dem modernen Trend zu individuellem und anspruchsvollen Wohnen entspreche. In Sevelen gab es bis dato keine Wohnungen für Alleinstehende. Mit den Micro-Apartments – sechs Einzimmerwohnungen und zwei Zweizimmerwohnungen – wird Wohnraum für Seniorinnen und Senioren, Berufstätige oder junge «Erst-Wohner» angeboten. Das unverwechselbare Doppelgiebeldach mit verschiedenen Höhen wurde aus der Not aufgrund der unterschiedlichen Bauzonen resp. Bauvorschriften geboren.

Auf Single-Bedürfnisse angepasst

Alle Wohnungen sind barrierefrei, was ein altersgerechtes Wohnen ermöglicht. Die einzelnen Apartments bestehen jeweils aus einem Vorraum, einer voll ausgestatteten Wohnküche, einem Badezimmer mit schwellenloser Dusche sowie einer windgeschützten und sonnigen Loggia. Die zwei Wohnungen unter dem Schrägdach weisen überhohe Räume auf. Die zusätzliche Galerie kann für Kinder, Gäste oder als Schlafgalerie genutzt werden. Im Erdgeschoss befinden sich gedeckte Parkplätze, Räume für Fahrräder, die Waschküche sowie für jedes Apartment ein eigenes Kellerabteil.

Glückliche Seniorin

Was bewegt eine 82-Jährige Seniorin in eine so moderne Wohnung zu ziehen? Edith Egger war seit längerem auf der Suche nach einer barrierefreien Wohnung. Als sie die Wohnung zum ersten Mal sah, hätte sie sofort gewusst «Das ist es!». Sie habe sich sofort wohlgefühlt und sei – auch ein Jahr danach – rundum glücklich. Edith Egger ist seit vielen Jahren verwitwet, hat vier Kinder grossgezogen. Mittlerweilen zählt die Familie neun Enkel und acht Urenkel. Sie schätze es sehr, dass sie alleine haushalten könne, obwohl sie in ihrem Alter natürlich auch mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen habe. Beim Putzen helfe jede Woche ihre Enkelin. Für kleinere Besorgungen oder Arztbesuche nehme sie den Rollator. Den könne sie auch gut alleine in den Bus hieven. Die Lebensfreude und die Zufriedenheit von Edith Egger sind ansteckend, sie lacht viel. Ihr sei es nie langweilig. Im Haus hätten alle einen anderen Lebensrhythmus, deshalb treffe man sich nur selten im Treppenhaus. Dies findet sie nicht schlimm, denn sie ist beschäftigt mit ihrem Haushalt, sie kocht sich jeden Tag ihre Mahlzeiten selber. Daneben liebt sie es zu lesen, vor allem Krimis und donnerstags bis samstags sei das Rätsellösen dran. Donnerstags käme nämlich immer die Glückspost.

Sie hätte vor nichts mehr Angst. Angst haben bringe eh nichts. Sie brauche auch keinen Notruf-Knopf. Denn wenn etwas passiere, dann müsse es so sein, sie könne ihr Schicksal gut akzeptieren. «Ich habe alles erledigt, was es zu erledigen gibt: Testament, Vorsorgeauftrag und Patientenverfügung ist ebenfalls erstellt», erzählt sie fröhlich und zwinkert mit ihren wachen, hellen Augen. Man könnte ihr noch lange zuhören, wie sie offen und ehrlich von ihrem Leben erzählt. Ihr Wunsch nicht fotografiert zu werden, wurde selbstverständlich respektiert.

Text: Sarah Peter Vogt, intu consulting & coaching
Fotos: Joshua Loher, atelier loher gmbh