• Zuhause neu entdeckt

Zuhause neu entdeckt

15.06.2020 Text: Sarah Peter Vogt, intu consulting & coaching

Mein Haus, mein Zuhause - Corona hat fast die meisten Menschen wochenlang nach Hause verbannt. Was für viele Unternehmen jahrelang unmöglich schien – Homeoffice zu betreiben – konnte bzw. musste innert kürzester Zeit umgesetzt werden. Kinder wurden zuhause via Bildschirm online unterrichtet und ihre Väter und Mütter gingen – ebenfalls zuhause – ihrer Arbeit nach, sofern sie nicht in einem Pflegeberuf oder andere Aufgaben mit Präsenzpflicht nachgehen mussten. Wie wurde das Wohnen während dieser Zeit erlebt? Nachfolgend drei Erlebnisberichte über die Zeiten zuhause während des Corona-Lockdowns.

24 Stunden mit mir (Mann, 45 Jahre) Anfangs bedeutete das Ganze eine grosse Umstellung für mich. Mein Büro war plötzlich zuhause. Ich verbrachte 24 Stunden nur mit mir ohne irgendwelche Aussenkontakte. Ich musste anfangs viel telefonieren, andere Stimmen hören. Erfahren, wie es anderen in einer ähnlichen Situation ging. Ich vermisste meine sozialen Kontakte. Was sich intensiviert hat, ist der Kontakt zu meinen Geschwistern und meinen Eltern im Pensionsalter. Die Rollen haben sich irgendwie verschoben. Vorher hatte ich meist keine Zeit für Besorgungen und meine Eltern haben immer wieder einiges für mich erledigt, nun war es umgekehrt. Ich konnte auch plötzlich zuhause sein und einfach nichts tun – ohne schlechtes Gewissen. Man wusste, dass man nichts verpasst, denn es ging ja allen genauso. Ich kam zur Ruhe, zu mir. Ich habe in dieser Zeit mein Haus ganz anders erlebt. Es gab jeden Tag Neues zu entdecken. Ich konnte all die verschiedenen Stimmungen, die verschiedenen Lichteinfälle zu den unterschiedlichen Tageszeiten wahr- und aufnehmen. Dies hat mich sehr inspiriert. Mittels meiner Weltkarte im Büro wurde ich inspiriert, auf virtuelle Reisen zu gehen. Das war richtiges Kopfkino. Was mir in dieser Zeit am besten gefallen hat, ist die akzeptierte Imperfektion. Anfangs war alles nicht so klar, alles musste improvisiert werden. Man musste kreativ sein, teilweise neue Wege gehen. Mit der Zeit hat man sich daran gewöhnt – und alles wurde – gut schweizerisch - wieder jeden Tag perfekter. Schade eigentlich!

Loslassen und viel dazugewinnen (Frau, 51 Jahre)
Zuhause stellte sich durch den Lockdown sehr schnell eine WG-Stimmung ein. Unsere Kinder (16, 18 und 19) sind alle in Ausbildung. Für sie bedeutete dies «Home-Learning». Für meinen Mann und mich war ebenfalls Homeoffice angesagt. So traf man sich morgens beim Frühstück und spätestens um 8 Uhr sind alle in ihre Zimmer vor ihre Bildschirme verschwunden. Ein sehr seltsames Gefühl. Das Haus war voll und trotzdem so ruhig. Seit der Kleinkindphase unserer Kinder haben wir noch nie alle zusammen soviel Zeit in unserem Haus verbracht. Der Umstand wollte es, dass ich einen grossen Kundenauftrag zu erledigen hatte, was mich sehr absorbiert hat. Ich überlegte mir, dass wir nun wirklich eine WG waren und dementsprechend die Aufgaben im Haushalt auch wie in einer WG verteilt werden könnten. Ich, die ich mich vorher immer als Familien-Service-Station verstanden habe. Ich machte meiner Familie den Vorschlag, die Aufgaben aufzuteilen und anstatt Widerstand – wie ich es eigentlich erwartet hatte - erfuhr ich volle Zustimmung. Innert kürzester Zeit waren die Aufgaben verteilt. Und was mich noch mehr erstaunt hat. Es wurde auch gerade diskutiert, wer an welchem Wochentag kocht. Diese Zeit hat mir geholfen, loszulassen und meiner Familie die Chance zu geben mitanzupacken. Unser Haus und unser Garten haben wir alle nochmals ein wenig mehr liebgewonnen. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes zusammengerückt. Ich werde diese gemeinsame Zeit sehr vermissen. Ich verspüre fast schon ein wenig Wehmut, denn ich weiss, dass wir nie mehr eine so intensive Zeit mit sovielen Gesprächen, Jassrunden, Spaziergängen zusammen als Familie erleben werden. Corona sei Dank!

Lange Tage (Frau, 85 Jahre)
Meine Kinder riefen mich an, ich solle nicht mehr einkaufen gehen, es sei zu gefährlich wegen der Ansteckungsgefahr. Zu gefährlich für wen? Ich brauchte eine gewisse Zeit, um zu verstehen, dass nicht ich die Gefahr war, sondern – aufgrund meines Alters – die anderen für mich. Ich lebe seit 35 Jahren alleine, habe immer alles alleine bewältigt. Meine vier Kinder wohnen alle weit weg. Und nun sollte ich plötzlich nicht mehr selbständig mein Leben bewältigen können? Einkaufshilfsangebote gab es zum Glück viele. Aber die Tage waren lang.
Meine Augen sind nicht mehr so gut und so konnte ich die Zeit nicht zu lange mit Lesen und Fernsehschauen verbringen. Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag etwas abzustauben. Meine Wohnung war noch nie so sauber. Aber irgendwann war auch das alles erledigt. Die Tage wollten und wollten nicht enden. Nach draussen konnte ich nicht, denn als «Alte» wurde ich sehr skeptisch angeschaut. Ich war also in «Einzelhaft». Meine Wohnung, in der ich mich eigentlich gerne aufhalte, wurde mir jeden Tag wie enger. Meine Kinder haben mich zwar regelmässig angerufen, ich tat auch so, als ob es mir gutgehen würde, aber ich fühlte mich noch nie so elend in meinem Leben, wie ein gefangenes Tier im Käfig. Eines Tages stand einer meiner Söhne vor der Tür. Er meinte, man könne auch an Einsamkeit sterben und er würde mich nun einfach besuchen kommen, Essen bringen und etwas für mich kochen. Das war wie Weihnachten für mich. Endlich wieder einmal ein richtiges Gespräch führen, einen Menschen bei mir haben. Seit dann kommen meine Kinder mich immer wieder mal besuchen. Es tut einfach nur gut, zu wissen, dass man noch nicht vergessen ist. Dieser Corona-Zeit kann ich gar nichts Positives abgewinnen. Ich bin einfach nur froh, wenn alles wieder wird wie vorher.